Nürnberger Kodex

Der Nürnberger Kodex (1947)

  1. Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. Das heißt, dass die
    betreffende Person im juristischen Sinne fähig sein muss, ihre Einwilligung zu geben; dass sie in
    der Lage sein muss, unbeeinflusst durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder
    irgendeine andere Form der Überredung oder des Zwanges, von ihrem Urteilsvermögen
    Gebrauch zu machen; dass sie das betreffende Gebiet in seinen Einzelheiten hinreichend kennen
    und verstehen muss, um eine verständige und informierte Entscheidung treffen zu können. Diese
    letzte Bedingung macht es notwendig, dass der Versuchsperson vor der Einholung ihrer
    Zustimmung das Wesen, die Länge und der Zweck des Versuches klargemacht werden; sowie die
    Methode und die Mittel, welche angewendet werden sollen, alle Unannehmlichkeiten und
    Gefahren, welche mit Fug zu erwarten sind, und die Folgen für ihre Gesundheit oder ihre Person,
    welche sich aus der Teilnahme ergeben mögen. Die Pflicht und Verantwortlichkeit, den Wert der
    Zustimmung festzustellen, obliegt jedem, der den Versuch anordnet, leitet oder ihn durchführt.
    Dies ist eine persönliche Pflicht und Verantwortlichkeit, welche nicht straflos an andere
    weitergegeben werden kann.
  2. Der Versuch muss so gestaltet sein, dass fruchtbare Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft
    zu erwarten sind, welche nicht durch andere Forschungsmittel oder Methoden zu erlangen sind.
    Er darf seiner Natur nach nicht willkürlich oder überflüssig sein.
  3. Der Versuch ist so zu planen und auf Ergebnissen von Tierversuchen und naturkundlichem
    Wissen über die Krankheit oder das Forschungsproblem aufzubauen, dass die zu erwartenden
    Ergebnisse die Durchführung des Versuchs rechtfertigen werden.
  4. Der Versuch ist so auszuführen, dass alles unnötige körperliche und seelische Leiden und
    Schädigungen vermieden werden.
  5. Kein Versuch darf durchgeführt werden, wenn von vornherein mit Fug angenommen werden
    kann, dass es zum Tod oder einem dauernden Schaden führen wird, höchstens jene Versuche
    ausgenommen, bei welchen der Versuchsleiter gleichzeitig als Versuchsperson dient.
  6. Die Gefährdung darf niemals über jene Grenzen hinausgehen, die durch die humanitäre
    Bedeutung des zu lösenden Problems vorgegeben sind.
  7. Es ist für ausreichende Vorbereitung und geeignete Vorrichtungen Sorge zu tragen, um die
    Versuchsperson auch vor der geringsten Möglichkeit von Verletzung, bleibendem Schaden oder
    Tod zu schützen.
  8. Der Versuch darf nur von wissenschaftlich qualifizierten Personen durchgeführt werden. Größte
    Geschicklichkeit und Vorsicht sind auf allen Stufen des Versuchs von denjenigen zu verlangen, die
    den Versuch leiten oder durchführen.
  9. Während des Versuches muss der Versuchsperson freigestellt bleiben, den Versuch zu
    beenden, wenn sie körperlich oder psychisch einen Punkt erreicht hat, an dem ihr seine
    Fortsetzung unmöglich erscheint.
  10. Im Verlauf des Versuchs muss der Versuchsleiter jederzeit darauf vorbereitet sein, den
    Versuch abzubrechen, wenn er auf Grund des von ihm verlangten guten Glaubens, seiner
    besonderen Erfahrung und seines sorgfältigen Urteils vermuten muss, dass eine Fortsetzung des
    Versuches eine Verletzung, eine bleibende Schädigung oder den Tod der Versuchsperson zur
    Folge haben könnte.
    Zitiert nach: Mitscherlich & Mielke (Hrsg.) (1960) Ethikkommission DGP e.V

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